Pädagogische Grundhaltung
Unsere Pädagogik begleitet junge Menschen auf eine Weise, dass sie als freie, selbstständige und verantwortungsbewusste Persönlichkeiten in die Welt treten können. Bildung wird nicht als reine Wissensvermittlung verstanden, sondern als lebenslanger Entwicklungsprozess der Kopf, Herz und Hand gleichermassen anspricht. Die anthroposophische Pädagogik stellt die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in den Mittelpunkt. Sie geht davon aus, dass Schüler*innen nicht nur intellektuell, sondern auch seelisch und körperlich gefördert werden müssen, um sich frei und individuell zu entfalten.
Ausgangs- und Mittelpunkt – der heranwachsende Mensch
Unser Ziel ist es, den Lernstoff so zu behandeln, dass er die jungen Menschen berührt und das Gelernte auch im späteren Leben Früchte trägt. Die einzelnen Fachgebiete sollen die Entwicklung des Kindes unterstützen.
Unsere Pädagogik verstehen wir als ganzheitlich:
Wir fördern Handwerk und Bewegung – pflegen das Physische.
Wir betonen den Tages- und Jahresrhythmus und musizieren – bilden das Lebendige.
Wir spielen Theater und kleiden den Lehrstoff in Erzählungen – verwandeln das Seelische.
Wir fördern das Kennen und das Erkennen – üben das Denken und die Selbstreflexion.
Methodik und Lernkultur
Kopf, Herz und Hand – Lernen mit allen Sinnen
Wissen wird nicht nur theoretisch vermittelt, sondern durch praktische Tätigkeiten, Kunst und Bewegung erlebbar gemacht.
Epochenunterricht – Vertiefendes Lernen
Ein Fach wird oft mehrere Wochen am Stück unterrichtet, sodass sich die Schüler*innen vertieft mit einem Thema auseinandersetzen können.
Künstlerische und handwerkliche Förderung
Musik, Malerei, Theater, Handwerk und Bewegung sind fester Bestandteil des Unterrichts. Kreativität gilt als Schlüssel zur Persönlichkeitsbildung.
Individuelle Entwicklung statt Notendruck
Bis und mit 10. Klasse wird der Fortschritt der Schüler*innen nicht durch Noten, sondern durch differenzierte Beurteilungen erfasst. Ziel ist, die individuellen Stärken zu erkennen und zu fördern.
Naturverbundenheit und Verantwortung
Die enge Verbindung zur Natur fördern wir mit dem Gartenbauunterricht oder Praktika in Landwirtschaft und Sozialarbeit. Die Schüler*innen lernen, Verantwortung für sich und ihre Umgebung zu übernehmen.
Mythen, Fabeln, Kulturen: Lernen mit Herz und Sinn
Warum erzählen wir Fabeln, Genesis, nordische Mythen und die Geschichten alter Hochkulturen im Unterricht?
Stellen Sie sich den Lehrplan der Steinerschule wie einen behutsam angelegten Weg vor, der Kinder Schritt für Schritt an immer größere Lebens- und Weltfragen heranführt. Jede epische Erzählwelt ist dabei gezielt an ein Lebensalter gekoppelt – weil Kinder in unterschiedlichen Phasen ganz unterschiedliche «Seelen-Nahrung» brauchen
Fabeln & Heiligenlegenden (2. Klasse)
Kurze Tiergeschichten und Lebensbilder besonderer Menschen sprechen das kindliche Gerechtigkeits- und Mitgefühl an: Gut und Böse sind klar unterscheidbar, Moral zeigt sich in einfachen Bildern. So üben Kinder, Unrecht zu erkennen und Anteilnahme zu entwickeln – ohne moralischen Zeigefinger, sondern über lebendige Bilder.
Schöpfungsgeschichte & Genesis (3. Klasse)
Neun- bis Zehnjährige erwachen stärker im Ich-Bewusstsein und erleben die Welt plötzlich als „anders» als sie selbst. Die biblische Genesis erzählt genau dieses Heraus-Treten aus paradiesischer Geborgenheit: Erde bestellen, Häuser bauen, Verantwortung übernehmen. Die Geschichte begleitet die Kinder innerlich – parallel dazu lernen sie sachlich Ackerbau, Handwerk und Maßeinheiten kennen.
Nordische Mythen (4. Klasse)
Jetzt erwacht die Kraft zum Widerstand und zur Abenteuerlust. Donnernde Götter, listige Zwerge und der Weltenbaum Yggdrasil zeigen eine Welt, in der Mut, Humor und Eigenständigkeit zählen. So können die Kinder ihre wachsende Energie in starke, aber klare Bilder legen, statt sie gegen die Umwelt zu richten.
Alte Kulturen (5. Klasse)
Wenn das Gleichgewicht von Körper und Geist spürbar wird (man spricht gern vom «goldenen Alter»), reisen die Schülerinnen und Schüler gedanklich durch Indien, Persien, Ägypten bis nach Griechenland. Jede Kultur bringt eigene Weltbilder sowie Schrift- und Zahlensysteme mit – und macht erfahrbar, dass Menschheit Vielfalt ist. Das stärkt kulturelle Offenheit und legt Grundlagen für spätere Geschichts- und Geographiekompetenz.
Kurz gesagt: Geschichten sind in der Steinerpädagogik kein «Lernstoff», sondern «Seelenproviant». Sie helfen Kindern, ihr eigenes inneres Wachstum zu verstehen, ihr Wertegerüst aufzubauen und zugleich die Vielfalt menschlicher Kultur wertzuschätzen. Dabei führt der Lehrplan von einfachen moralischen Bildern über mythische Helden bis hin zu geschichtlichem Bewusstsein – ganz im Rhythmus der kindlichen Entwicklung.