Das Frotteetuch um den Hals geschlungen, das Stück Seife und die frischen Kleider neben sich auf die Bank gelegt, hackte er Holz. Mittlerweile mit gewissem Geschick. Dazu hielt er ein Schwätzchen. Über die grossen und schweren Decksteine und die afrikaförmigen Läufer – oder über Mats‘ und Stefans Gaumenschmäuse, das brünstige Röhren des Esels und die Verstecke der gejagten Eselin – oder eben, wie so oft, über Holz, warmes Wasser und Feuermachen. Das Anstehen zum Duschen war ein Treffpunkt geworden.
Aber gehen wir erst zehn Tage zurück. Eine neunte Klasse, jede und jeder Einzelne ausgerüstet mit einem grossen Rucksack, steht in einem moosverwachsenen Tessiner-Wäldchen am Fusse einer beeindruckenden Felswand. 700 Meter hoch ist sie. Ein Weg führt hindurch, bestehend zur Mehrheit aus Treppenstufen. Das wurde zwar vorab bereits mitgeteilt, aber ist den meisten zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. In zwei Stunden wird das ganz anders sein. Aber jetzt ist die Stimmung noch gut. Man freut sich aufs beginnende Lager, auf die zwei kommenden Wochen auf der Alp Soladino im Maggiatal und auch auf den möglichen Ausflug am Wochenende nach Locarno.
Erklärtes Ziel des Lagers ist es, eine Trockenmauer zu bauen. Sie wird sich etwa 30 Meter entlang eines Wanderwegs erstrecken und diesen stützen. Die Trockenmauer, also eine Mauer ohne festigenden Mörtel zwischen den Steinen, soll auf der Wanderweg abgewandten Seite bis zu anderthalb Metern hoch sein. Zum Wanderweg hin wird sie kaum die Hälfte messen. Aber zum Mauern ist das eine erhöhte Schwierigkeit, da bergseitig eigentlich nur hintermauert wird, darüber dann aber eine stabile Mauer mit schönem Gesicht stehen muss. Diesen Übergang solide zu bauen, wird herausfordernd werden.
In Zusammenarbeit mit der Stiftung Umwelteinsatz Schweiz (SUS) organisiert die Berner Schule jährlich ein solches Lager. Die SUS stellt einen ausgebildeten Bauleiter und einen zusätzlichen Trockenmaurer, die Schule bringt ungeübte aber meistens motivierte Schülerinnen und Schüler, die einen grossen Teil der Mauer bauen werden. Im Verlauf der zwei Wochen werden die Jugendlichen darin ausgebildet, wie eine Mauer zu bauen ist, die 100 Jahre und mehr stehen soll.
Am ersten Tag bauten wir ein Gerüst, worauf später die Steine der alten Mauer gelagert werden konnten, so dass diese nicht versehentlich ins Tal kullern konnten. Dann wurde die alte Mauer eingerissen, Steine nach Verwendungszweck sortiert und abgelegt. Hat ein Stein eine ebene, ansehnliche Seite, so spricht man von einem „schönen Gesicht“. Solche Steine verbaut man nicht im Mauerinnern. Sind Steine besonders gross und schwer, können sie zuoberst als Deck- oder zuunterst als Fundamentstein gebraucht werden. Haben Steine eine sehr unregelmässige Form, ist ihre Verwendung fraglich, also werden solche eher aussortiert.
Das Legen des Fundaments ist eine mühselige Arbeit. Viele Dutzend Kilogramme schwere Brocken müssen abgelegt, ein paar Zentimeter verschoben, wieder aufgerichtet, etwas abgeflacht und wieder neu hingelegt werden. Jedes Mal werden zwei oder mehr Paar Hände gebraucht, um den Stein in die richtige Position zu bringen, nur um dann zu merken, dass er eben doch noch nicht hineinpasst und noch einmal rausgezogen, wieder aufgerichtet und erneut bearbeitet werden muss. Es war keine Seltenheit, dass eine Kleingruppe an einem einzigen Stein arbeitete und dieser nach einer Stunde immer noch nicht passte.
Überhaupt ist die Steinbearbeitung keine schnelle Tätigkeit, sondern braucht Geduld, Kraft und Ausdauer. Ein geübter Blick hilft, Steine weniger oft anheben und neu positionieren zu müssen. Und er hilft auch, die Steine mit wenigen aber präzisen Schlägen in die geforderte Form zu bringen. Ist ein Stein gut gesetzt, kann er hunderte Kilogramme Gewicht tragen, wackelt er jedoch, wird er sich unter Druck verschieben und die Mauer wird instabil werden. So mussten sich die Schülerinnen und Schüler darin üben, jeden Stein perfekt aufliegend zu setzen. Alles andere war nicht erlaubt. Wer sich also beeilte, der mauerte meistens nicht gut. Wer sich aber die Zeit nahm und jeden Stein solange bearbeitete, bis er auf den vorhandenen Platz passte, der oder die mauerte seriös. So war es fast wie bei „Momo“. Man durfte nicht an die ganze Mauer denken, nur an den nächsten Stein. Und man kam besser voran, je mehr Zeit man sich nahm.
So arbeiteten wir täglich um die acht Stunden. Setzten Stein auf Stein oder spitzten diese zu, aber wir gruben auch Steine alter Mauern aus und transportierten sie tonnenweise zu unserer Baustelle. Oder wir hörten informativen Vorträgen der Baustellenleitung zu den diversen Themen rund ums Trockenmauern zu: nicht nur Bautechniken, sondern auch Biodiversität in Trockenmauern, historische Anwendungen und Entwicklungen, Mauern im Tessin und der Schweiz überhaupt und über den gesellschaftlichen Wandel, der sich in den letzten 200 Jahren im Maggiatal vollzogen hat.
Doch solche Pausen waren die Ausnahme. Meistens wurde geschleppt, gedreht, gekippt, gemeisselt, neu gelegt, Steine gesucht oder verworfen, unter- und hinterlegt oder oft auch Hilfe gesucht, gewerweisst und beraten. So verwundert es niemanden, dass man dann nach getaner schwerer Arbeit feierabends gerne auch eine Dusche nahm. Auf der Alp gibt es zwar genug Wasser, dieses musste aber erst erwärmt werden. Dabei entstand dann eben der bereits erwähnte Treffpunkt.
Denn wer duschen wollte, musste den Boiler einfeuern, brauchte also Brennholz. Dieses musste im Wald gesammelt, dann zugesägt und gespalten werden. Sägen, spalten und stapeln konnte man direkt vor der Tür zum Duschraum, worin auch der Boiler stand. Das erstmalige Einfeuern dauerte jeweils seine Zeit. Wer sich diese nahm, leistete einen Dienst, den alle schätzten. So war derselbe Ort, wo auf eine freie Dusche gewartet wurde, eben auch der, wo fürs Warmwasser gearbeitet wurde. Die eigene Nützlichkeit konnte so unmittelbar erfahren werden und auch die Wertschätzung, die für solche Arbeiten gezollt wurde, kam nicht zu kurz.
Das Leben auf einer Alp zeigt uns Talbewohnern deutlich auf, was wir alles als selbstverständlich betrachten, weil es das auf der Alp nicht mehr ist. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln, das Kochen für eine ganze Klasse auf einem Holzherd, nur nach sonnigen oder windigen Tagen hatten wir abends elektrisches Licht oder eben das Duschen mit Warmwasser sind solche Beispiele.
So lehrt dieses Lager den SchülerInnen nicht nur ein Handwerk, sondern auch, sich um die notwendigen haushälterischen Aufgaben zu kümmern. Die Abgeschiedenheit entschleunigt und die Abwesenheit von zivilisatorischen Ablenkungen fokussiert uns auf Notwendigkeiten.
Übrigens – am Wochenende besuchten wir Locarno dann doch nicht, sondern entschieden uns, den Berg weiter hoch zu gehen, wo ein wunderbarer Bergsee liegt und eine Berghütte steht, in der wir zu Mittag essen konnten. Die 700-Höhenmeter-Felswand-Treppe hatte eben doch einen bleibenden Eindruck hinterlassen.







